Wer war Lyle Stevik?

Am Lake Quinault

Am Lake Quinault

Der junge Mann kam am 14. September 2001 in der verschlafenen Kleinstadt Amanda Park am Lake Quinault an der amerikanischen Pazifikküste im Bundesstaat Washington an.
Der Mann war etwa 25 Jahre alt und mietete sich in einer kleinen Pension, dem Lake Quinault Inn, ein.
Im Registrationsformular trug er als seinen Namen ‘Lyle Stevik’ ein.
Drei Tage zuvor, tausende Kilometer entfernt, waren drei Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon gesteuert worden und hatten eine nationale Sicherheitskrise ausgelöst.
Davon war in Amanda Park nichts zu spüren.
Die kleine Pension bot Platz für 8 Gäste, Lyle Stevik bekam das Zimmer mit der Nummer 8 und bezahlte bar. Doch nur eine Stunde später kam er zurück und bat um einen Zimmertausch, Nummer 8 sei viel zu laut. Barbara, die Besitzerin, händigte ihm daraufhin den Schlüssel zu einem anderen Zimmer aus. Nummer 5.

Zimmer Nr. 5

Zimmer Nr. 5

Dort verbrachte er die Nacht und auch die nächste.
Am Montag, dem 17. September, klopfte frühmorgens Maricela, das Zimmermädchen, an die Tür von Nummer 5, da er angegeben hatte, an diesem Tag auschecken zu wollen.
Niemand öffnete. Schließlich schloss Maricela die Tür auf.
Sie fand Lyle scheinbar kniend in einer Nische des Zimmers, den Rücken zur Tür gerichtet, die Arme an den Seiten, den Kopf nach hinten gelegt, mit offenen Augen, die zur Decke starrten. Da bekam es Maricela mit der Angst und rief Gabe, Barbaras Neffen, zu Hilfe.
Und Gabe erfasste die Situation sofort. Lyle Stevik hatte einen Ledergürtel um den Hals geschlungen und an einer Garderobenstange befestigt. Er hatte sich in der kleinen Nische, die Garderobe kaum 1,5 m hoch, erhängt.
Auf dem Tisch lag fein säuberlich ein gefaltetes Stück Papier, beschriftet mit FOR THE ROOM. Es enthielt acht 20 $-Scheine, für die zwei Nächte, die Stevik hier verbracht hatte – inklusive Trinkgeld für das Zimmerservice. Im Papierkorb fand sich ein Zettel, auf dem mit Großbuchstaben das Wort SUICIDE (Selbstmord) stand.

Ein Selbstmord, wie er allerorts geschieht. Bedauerlich, aber nicht weiter bemerkenswert. Oder doch?

for-the-room

For the room

Die Polizei begann sofort zu ermitteln und stieß bald auf merkwürdige, unerklärliche Tatsachen, die den auf den ersten Blick alltäglichen Fall eines Suizids zu einem Fall machten, der bis heute Fragen offen lässt.
Denn bis heute weiß niemand, wer Lyle Stevik wirklich war.
Im Zimmer Nummer 5, das er zum Zeitpunkt seines Todes bewohnt hatte, fanden sich weder Personalausweis, noch Reisepass, Führerschein oder andere Dokumente, die seine Identität bezeugen konnten.
Lyle war weder von Busfahrern gesehen worden, die mit ihren Fahrzeugen den kleinen Ort anfuhren, in näherer Umgebung wurden keine Personen vermisst, auch in den Millionen von Datensätzen umfassenden Datenbanken des FBI fand sich kein Hinweis auf einen Mann namens Lyle Stevik. Weitere Abfragen in DNA-Banken, Wählerlisten, Telefonverzeichnissen und Volkszählungsarchiven liefen ebenfalls ins Leere.

Lyle Stevik war ein Mann, der nicht existierte.

Der Totenschein blieb lückenhaft:
Todesursache: Selbstmord durch Erhängen
Ort: Motel-Zimmer
Geburtsdatum: Unbekannt
Wohnsitz: Unbekannt
Beruf: Unbekannt

Der Fall blieb rätselhaft. Lyle war gut gekleidet, kein Raucher, besaß keine Tattoos, die Fingernägel geschnitten und gepflegt, die Zähne in Ordnung. Der verantwortliche Polizeiofficer Lane Youmans ging aufgrund der Schriftproben, die vorhanden waren, sogar davon aus, dass Stevik eventuell Arzt gewesen könnte.
Erstaunlich, dass bis zum heutigen Tag keine Fortschritte in den Ermittlungen verzeichnet werden konnten. Lyle musste doch ein Sohn, ein Kollege, ein Partner oder Freund gewesen sein.

Er wurde in einem nicht gekennzeichneten Grab am Fern Hill Friedhof – 12 Kilometer entfernt vom Ort, an dem er gestorben war, beigesetzt.

Die Jahre vergingen, aus dem aktuellen Fall, wurde ein ‘Cold Case’. Doch im Jahr 2006 begann sich plötzlich eine größere Öffentlichkeit für den ungelösten Fall zu interessieren. Internet-Detektive aus aller Welt machten es sich zur Aufgabe, herauszufinden, wer Lyle Stevik tatsächlich gewesen war.
Vieles geschah in den folgenden Jahren:
Stevik wurde mit einer Reihe von damals verschwundenen Personen abgeglichen.
Weltweit wurde versucht, die Seriennummern der Banknoten, die er bei sich getragen hatte, mit ihrem Ausgabeort in Verbindung zu bringen.
Stevik wurde sogar mit den Anschlägen vom 9. September in Verbindung gebracht – als Opfer, das Verwandte bei den Anschlägen verloren hatte, oder auch als Täter.
Ein Rätsel scheint vermutlich gelöst – nämlich dass es sich bei dem Namen um eine kleine literarische Anspielung handeln dürfte. Literarisch interessierte Tüftler fanden heraus, dass im Roman ‘You must remember this’ der bekannten amerikanischen Autorin Joyce Carol Oates ein Mann namens Lyle Stevick vorkommt. Im Buch ein depressiver Mensch, der einen Selbsmordversuch mit einem Strick unternimmt.

Letztlich verliefen alle Versuche, die Identität Lyle Steviks zu ergründen, bisher im Sande.

Die Suche nach der Wahrheit geht indes weiter. Wer sich beteiligen möchte, findet im Internet mehrere Seiten, die sich mit dem mysteriösen Fall Lyle Stevik befassen:
> Reddit-Forum zu Lyle Stevik
> Websleuths-Forum zu Lyle Stevik
> The Doe Network

Aber vielleicht wollte Lyle ganz einfach nicht gefunden werden, seine wahre Identität als unlösbares Rätsel hinterlassen.
Wie meinte Polizeioffizier Youmans:
Er kam hierher um zu verschwinden. Er ging so weit weg von zu Hause, als er konnte. Ich sage immer, dass wir hier zwar nicht am Ende der Welt leben, wer sich aber auf die Zehenspitzen stellt, kann es von hier aus sehen.

Lyle Stevik

Lyle Stevik

Bildquellen:
> Doug Bradley | CC 2.0
> Gray’s Harbor County Sheriff’s Office

Share on Google+Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on Pinterest

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*