Die Gesichter von Ellis Island

In Zeiten wie diesen gerät ja beinahe in Vergessenheit, dass die Vereinigten Staaten von Amerika viele Jahrzehnte hindurch Hilfesuchenden, Flüchtlingen, Glücksrittern und vielen Menschen, die einfach in einem fernen Land eine neue Existenz aufbauen wollten, einen sicheren Hafen boten. Aus aller Welt kamen die Menschen, suchten Einlass ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und die USA hörten die Rufe. Iren kamen bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts um die Hungersnot im eigenen Land – ausgelöst durch die heimtückische Kartoffelfäule – zurückzulassen, jüdische Familien entgingen mit der Flucht über das große Meer dem sicheren Tod durch den nationalsozialistischen Wahnsinn. Doch auch viele andere, nicht direkt vom Tode bedrohte Menschen aus aller Herren Länder versuchten in den Staaten ihr Glück zu finden.

Und als Synonym für die Einwanderungspolitik der USA steht auch heute noch der Name einer kleinen Insel im Hafen von New York: Ellis Island. Die kleine Insel in Sichtweite von Liberty Island, auf der die Freiheitsstatue Ankommende willkommen heißt, war lange Zeit Sitz der Einwanderungsbehörde. Bis 1954 reisten Immigranten über die Insel in die Staaten ein, durchliefen hier die Feststellung persönlicher Daten, die Registrierung, medizinische Checks. Nein, nicht alle fanden Aufnahme. Viele mussten nach den Aufnahmechecks auch wieder die Heimreise antreten, etwa jeder zehnte Antrag wurde abgelehnt.

Ellis Island. c. 1980-1990 | Foto: Carol M. Highsmith | Library of Congress

Die Vielfalt der Nationen, die hier auf engstem Raum aufeinander traf, war fürwahr beeindruckend. Und auch einer der Beamten der Einwanderungsbehörde, der auf der Insel im Einsatz war, zeigte sich fasziniert von den Menschen, die hier tagtäglich ankamen. Der Beamte, der für die Registrierung der Ankommenden zuständig war, hieß Augustus Frederick Sherman und seine Leidenschaft galt der Fotografie. Durch seine Tätigkeit hatte er Zugang zu den Ankömmlingen, die in den USA ein neues Leben beginnen wollten. Er fand Zugang zu den Menschen und bald willigten viele von ihnen ein, ihm für Porträts zur Verfügung zu stehen. Sie traten vor Shermans Kamera, viele von ihnen ganz offensichtlich in den besten Kleidern, die sie aus der Heimat mitgebracht hatten. Die berührenden Porträts zeigen Menschen in den Trachten ihrer Heimat, die stolz präsentiert werden, aber auch Menschen, die zweifelnd, skeptisch, mit ernstem Gesicht in die Kamera blicken.

Hier einige der wundervollen Porträts, die Augustus Sherman zu Beginn des 20. Jahrhunderts angefertigt hat und die 1907 im National Geographic Magazine abgedruckt wurden.
> Link: Original-Beitrag in National Geographic

Drei Frauen aus Guadeloupe, die auf die Weiterfahrt nach Montreal, Kanada, warten

Albanischer Soldat

Blinder Passagier aus Deutschland

Frau aus den Niederlanden

Drei Frauen aus der Slowakei

Mann aus Dänemark

Rumänischer Flötenspieler

Mädchen aus Rattvik, Schweden

Mann aus Bayern

Frau aus Guadeloupe

Kinder aus Lappland

Frau aus Ruthenien (Ukraine/Weißrussland)

Rumänischer Schafhirte

Italienerin

Frau aus der Slowakei mit ihren Kindern

Georgier, die in der ‚Buffalo Bill Wild West Show‘ auftraten

Italienerin

Wenn man in die Augen all dieser Menschen aus den verschiedensten Nationen blickt, ertappt man sich unwillkürlich bei der Überlegung, was wohl aus ihnen geworden sein mag.
Haben sie in den Staaten den Neubeginn geschafft? Haben sie mit Amerika tatsächlich das gelobte Land erreicht, den amerikanischen Traum zu einem glücklichen Ende geträumt?
Oder sind sie gescheitert, nie wirklich in dem fremden Land angekommen, vielleicht nach Jahren verbittert in die alte Heimat zurückgekehrt?
In jedem Fall eine beeindruckende Fotoserie.

Abschließend noch ein kurzer Film aus dem Jahr 1903, der die Ankunft von Immigranten auf Ellis Island zeigt.

Bildquelle: alle Porträtfotos von Augustus Sherman | New York Public Library | keine Urheberrechtseinschränkungen

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