Das Seeungeheuer von Nantucket

Ein gelungener Scherz hält 1937 eine Insel in Atem

Eines schönen Tages im Sommer des Jahres 1937 waren sie einfach da: Gigantische Abdrücke im Sand von merkwürdigen Füßen, die an die Spuren von gewaltigen Vögeln erinnerten. Niemand wusste, woher sie kamen, wie aus dem Nichts waren sie am Strand aufgetaucht, schienen aus dem Meer ans Land zu führen.

Plötzlich waren sie da – gewaltige Spuren im Sand.

Nantucket, die kleine Insel des US-Bundesstaates Massachusetts war in Aufruhr. Noch niemals zuvor waren derart riesige Fußabdrücke, deren Durchmesser mehr als einen Meter betrug, gesehen worden. War hier tatsächlich ein bisher unbekanntes Seeungeheuer an Land gegangen? Waren dies die Spuren eines gefräßigen Räubers, vor dem sich Mann und Maus in Sicherheit bringen mussten? Die Zeitungen berichteten von den Abdrücken am Strand, die Aufregung in der Bevölkerung war groß.

Der Durchmesser der Abdrücke betrug mehr als einen Meter.

Welches ungeheure Lebewesen hatte diese Spuren hinterlassen?

Um alle Zweifel auszuschließen, schickte man Fotos der unbegreiflichen Abdrücke an Dr. W. Reid Blair, den Direktor der New Yorker Zoologischen Gesellschaft. Er zeigte sich skeptisch. Der Zoologe schloss ein Tier, das im Wasser lebte aus, da man Abdrücke des vermutlich gewaltigen Körpers im Sand vorfinden hätte müssen. Und Landtiere dieser Größenordnung kamen auf Nantucket auch nicht vor. Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel. Ratlosigkeit und Ungewissheit befiel die Einwohner Nantuckets – und Angst machte sich breit. Dann lag das Untier eines Tages am Strand. Schon von weitem war es zu sehen. Ein Ungeheuer gewaltigen Ausmaßes. Die Menschen eilten zur Fundstelle, um das Monster, das der Tiefe des Meeres entstiegen war, mit eigenen Augen zu sehen. Doch nur die Mutigsten wagten sich ganz nahe heran.

An den Strand gespült lag das Ungeheuer im Sand.

Doch schon bald erwiesen sich alle Befürchtungen und Ängste als unbegründet: Das „Ungeheuer“ war ein kunstvoll gefertigter Heliumballon, dazu gedacht, bei der alljährlich stattfindenden Macy’s Thanksgiving Day Parade mitzufliegen. Das Ungeheuer aus dem Meer, das Nantucket über Tage hindurch in Atem gehalten hatte, war die Erfindung von Tony Sarg, einem Puppenspieler und Illustrator. Gemeinsam mit den lokalen Medien, die in den Schwindel eingeweiht waren, wurde das „Seeungeheuers von Nantucket“ ein voller Erfolg. Die durch die Aktion erregte Aufmerksamkeit machte sich bezahlt, denn der Name Tony Sarg, der für Macy’s seit Jahren bis zu 40 Meter lange, fliegende Tierfiguren entwarf, war nun in aller Munde. Der gewaltige, mit Helium gefüllte Ballon, den Sarg vom Meer an den Strand treiben ließ, war eine Attraktion – ebenso wie es das vermeintliche Seemonster die Tage zuvor gewesen war. Und alle Bewohner Nantuckets eilten an den Strand, um den kunstvoll gestalteten Ballon zu bewundern.

Das imposante Wesen aus dem Meer.

Die staunende Bevölkerung Nantuckets.

Ein Ballon mit wahrlich beeindruckenden Ausmaßen.

Die Tapfersten posieren vor dem Maul des Untiers.

Ein ziemlich erschöpftes Seeungeheuer.

Das Monster war tatsächlich ziemlich groß.

Ein kleiner Blick in den Schlund.

Tony Sarg (der charmante Herr mit Hut und Krawatte) und sein Seeungeheuer.

Tony Sarg war auch Jahre später noch höchst erfolgreich als Puppenspieler und Illustrator für die „Saturday Evening Post“ tätig.
Das kurze Video zeigt das an den Strand gespülte Ungeheuer (leider sehr schlechte Bildqualität).

Bildquelle: Nantucket Historical Association

Zuerst erschienen im STANDARD

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