Arthur Conan Doyle und die Elfen von Cottingley | Transkript

Der Zeitpunkte-Podcast. Geschichten mit Vergangenheit. Erzählt von Kurt Tutschek. Folge 7: Arthur Conan Doyle und die Elfen von Cottingley. Als sich der Mann, der Sherlock Holmes erfand, von kleinen gefllügelten Wesen, die versteckt an einem Bächlein in Yorkshire lebten, bezaubern ließ.

Aufgeregt liefen die beiden Mädchen nach Hause. Elsie und Frances hatten den Nachmittag wie so oft am Bach verbracht, der am Grundstück von Elsies Eltern vorbeifloss. Die kleinen Wasserfälle, die über die Steine plätscherten, luden zum Spielen ein, und zum Plantschen im Sommer, wenn die Tage auch in Yorkshire so heiß wurden, dass man sie am liebsten im Schatten verbrachte. Doch dies war kein Nachmittag wie all die anderen. Ungeheuerliches war geschehen, und so rannten Elsie und Frances so rasch sie konnten zurück zum Haus um Elsies Eltern mitzuteilen, was sie am Ufer des Bächleins gesehen hatten. Und falls die Erwachsenen ihnen nicht glauben sollten, hatten sie auch schon eine Idee, wie sie den Besuch der kleinen geflügelten Wesen beweisen würden.

Doch beginnen wir am Anfang.

Elsie Wright und Frances Griffiths waren Kusinen. Die zehnjährige Frances war im Sommer 1917 gerade aus Südafrika nach England gekommen und wohnte bei der Familie ihrer 16-jährigen Kusine Elsie, während Frances‘ Vater im Ersten Weltkrieg kämpfte. Die beiden Mädchen standen einander sehr nahe und verbrachten einen Großteil dieses Sommers beim Spielen an einem kühlen Bach am Fuße des Gartens im kleinen Dorf Cottingley der Grafschaft Yorkshire. Die Mädchen rannten oft mit wilden Geschichten von Begegnungen mit Gnomen und Feen nach Hause, von denen sie behaupteten, dass diese Wesen, die man sonst nur aus Märchen und alten Geschichten kannte, direkt an diesem Bach lebten. Die beiden schwörten, dass sie die Elfen und kleinen Zwerge tatsächlich gesehen hatten. Großes Ehrenwort. Die Eltern standen diesen fantastischen Geschichten der Mädchen begreiflicherweise zunächst recht skeptisch gegenüber. Aber um den Beweis zu erbringen, dass sie sich die Geschichten nicht bloß ausgedacht hatten, lieh sich Elsie eines nachmittags die Kamera ihres Vaters. Sie würden die Feen, die jeden Tag am Wasser tanzten, fotografieren, ja, das würden sie tun. Niemand sollte sagen, dass sie sich diese Geschichten bloß ausdachten. Elsie wusste, wie die Kamera zu bedienen war und schon machten sich die Mädchen auf den Weg zurück zum Bächlein um den gültigen Beweis zu erbringen, dass diese Wesen wahrhaftig existierten. Und das Wunder geschah, tatsächlich zeigten sich die Elfen den Mädchen und posierten vor der Kamera. Das erste Bild war auf Fotoplatte gebannt. Noch am selben Tag entwickelte Elsies Vater die Aufnahme in seiner Dunkelkammer und staunte. Da waren tatsächlich winzige menschenähnliche Wesen mit zarten Flügeln zu erkennen, die sich offenbar von Elsie und Frances nicht stören ließen. Sie liefen über das Moos, tanzten vor Elsie, die in die Kamera blickte. Konnte das tatsächlich wahr sein, hüpften hier vor seinen Augen diese Fabelwesen durchs Bild, die man bisher stets für bloße Fantasiegestalten angesehen hatte? Aber so außergewöhnlich das Foto auch war, Elsies Vater war nicht restlos überzeugt. Irgendetwas störte ihn an den fragilen Gestalten. Irgendwie sahen sie aus, als wären sie aus Karton ausgeschnitten und in den weichen Boden gesteckt worden. Seine Tochter war sehr kreativ wenn es ums Fotografieren ging, er traute ihr ohne weiteres zu, dass sich die beiden Mädchen ganz einfach einen großen Spaß erlaubt hatten und die Erwachsenen an der Nase herumführen wollten.

Die Elfen von Cottingley

Ein wenig waren Elsie und Frances dann doch eingeschnappt, als ihr Beweisfoto nicht die Anerkennung erhielt, die es ganz sicher verdient hatte. Einige Monate zogen ins Land, und eines Tages machten sich die beiden erneut auf, einen weiteren Beweis zu liefern, der auch die letzten Zweifler überzeugen würde. Wieder schnappten sie die Kamera und machten sich auf die Jagd nach den erstaunlichen Lebewesen. Auch dieses zweite Foto gelang. Es zeigt die 16jährige Elsie, die lächelnd in der Wiese sitzt und ihre Hand einem kleinen Männchen, einem Gnom oder Zwerg entgegenstreckt, der sich scheu genähert hat.

Elsie und der Gnom

Und diesmal fanden die Mädchen auch jemanden, der ihnen glaubte: Polly Wright, Elsies Mutter, war als Anhängerin der Theosophie dem Gedanken an verborgene Geheimnisse der Natur und allem Okkulten, auch dem Glauben an Naturgeister sehr aufgeschlossen. Bei der Theosophischen Gesellschaft handelte es sich um eine damals recht einflussreiche internationalen Vereinigung von Anhängern okkulter und spiritueller Ereignisse. Dieses zweite Foto überzeugte Polly, dass sich auf ihrem eigenen Grund und Boden Elfen und andere Wesen, die sonst den Kontakt zu den Menschen scheuten, angesiedelt und am Ufer des Baches ihre Heimat gefunden hatten. Stolz nahm sie die beiden Fotos zu einer theosophischen Vorlesung mit, die sich mit dem geheimen Leben von Naturgeistern befasste. Aufgeregt zeigte sie die Bilder dem Vortragenden, der versprach, sie bei einer großen Konferenz vorzustellen, die in wenigen Monaten stattfinden würde. Und hier kommt Edward Gardner ins Spiel, ein weiterer Theosoph, der von den Fotos sofort fasziniert war. Er ließ die Negative von einem Experten überprüfen, der sie zweifelsfrei als echt anerkannte und keine Manipulationen feststellen konnte. Das reichte wiederum Gardner aus, die Bilder zur Beweisführung heranzuziehen, dass Elfen und andere Wesen, die in der Öffentlichkeit bisher meist als Spinnereien belächelt wurden, tatsächlich existierten. Und so geschah es, dass die beiden Fotos immer weitere Kreise zogen. Schließlich erweckten sie auch das Interesse von Sir Arthur Conan Doyle. Es verwundert nicht, dass der Schriftsteller, der Sherlock Holmes erfunden hatte, von den Fotos in Bann gezogen wurde, denn er war zeitlebens allen übersinnlichen Erscheinungen äußerst zugetan und glaubte unbeirrt an übersinnliche Fähigkeiten, die sich in manchen, besonders aufgeschlossenen Menschen manifestierten würden.

Die Fotos der Elfen waren ein Geschenk des Himmels für Arthur Conan Doyle und so beschlossen Doyle und Gardner der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Auf Drängen Doyles machte sich Edward Gardner im Juli 1920 auf den Weg nach Cottingley um die Orte aufzusuchen, an denen die Fotos aufgenommen worden waren. Er interviewte Elsie und ihre Eltern und bat um weitere Fotos. Ein Herzenswunsch konnte ihm jedoch nicht erfüllt werden: Zerknirscht meldete Gardner, dass es ihm leider nicht möglich sein würde, die Elfen und all die anderen Wesen, die versteckt am Bach lebten, mit eigenen Augen zu sehen. Elsie versicherte ihm, sie würden sich nur ihr selbst und ihrer Kusine zeigen. Aber sie versprach, weitere Fotos anzufertigen. Und tatsächlich schickte sie ihm im September drei weitere Aufnahmen der Elfen, die Gardner wiederum untersuchen ließ. Bezaubernde Bilder. Auf einem überreichte eine Elfe Elsie einen winzigen Blumenstrauß, auf einem anderen sah man Frances mit einer ausgelassen durchs Bild springenden Elfe. Alle Foto-Fachleute, die zugezogen wurden, bescheinigten die Echtheit der Bilder. Harold Snelling, ein Fotograf mit 30jähriger Erfahrung stellte zweifellos fest, dass die Aufnahmen unverfälschte Einzelbelichtungen seien, ohne Spuren von Studio-Manipulationen. Den Einsatz von Papier- oder Kartonmodellen schloss er ebenso dezidiert aus. Und was ihn besonders verblüffte war, dass bei genauer Betrachtung Bewegungen erkennbar waren, die die Elfen ausführten. Flügel und Beine waren leicht unscharf. Ja, hier waren Lebewesen aus Fleisch und Blut zu sehen. Doyle und Gardner, die sichergehen wollten, keinem Betrug auf den Leim zu gehen, zogen sogar die renommierte Firma Kodak zu Rate, der man glaubwürdige Expertise was die Fotos betraf, wohl zutrauen konnte. Nach genauer Untersuchung der Bilder verneinten aber auch die Experten von Kodak eine direkte Fotomanipulation, konstatierten jedoch, dass es durchaus möglich wäre, ähnliche Fotos in einem Studio bei geeigneter Beleuchtung und mit überzeugenden Requisiten nachzustellen.

Ein Blumenstrauß für Elsie
Die springende Elfe
Elfen beim Sonnenbad

Trotz aller Einwände entpuppten sich die Fotos als Glücksfall auch für Arthur Conan Doyle, der für die Dezember-Ausgabe des viel gelesenen ‚Strand Magazine‘ einen Artikel über Feen schreiben sollte. Jetzt konnte er auf Augenzeugenberichte aus erster Hand und sogar auf Fotografien der scheuen Wesen zurückgreifen. Der erste Beitrag im ‚Strand Magazine‘ erschien ordnungsgemäß im Dezember 1920 und enthielt die ersten beiden Fotos, die 1917 aufgenommen worden waren. Doyle schrieb von einem ‚epochemachenden Ereignis‘, das in dem verschlafenen Dörfchen Cottingley, einem Vorort Bradfords im westlichen Yorkshire stattgefunden hatte. Für die Herausgeber der Zeitschrift wurde Doyles Beitrag ein riesiger Erfolg, denn die Ausgabe war sofort ausverkauft. Wegen des durchschlagenden Erfolgs erschien bereits wenige Monate später, im März 1921 ein zweiter Artikel mit dem Titel ‚The Evidence of fairies‘, also ‚Der Beweis von Elfen‘, der zwei weitere Fotos enthielt.

Das Publikum war vollauf begeistert und daher adaptierte Doyle die Artikel rasch machte ein Buch daraus: ‚The Coming of the Fairies‘, ‚Die Ankunft der Feen‘ erschien 1922. Obwohl es sich gut verkaufte, beschädigte die Veröffentlichung dieses Buches allerdings Conan Doyles Ruf ernsthaft. Er sah sich von allen Seiten Spott und Hohn ausgeliefert, denn eine Vielzahl von Skeptikern wollte trotz Doyles unentwegtem Einsatz nicht recht an die Geschichte der Cottingley-Feen glauben. Der Vater von Sherlock Holmes hielt jedoch trotz aller Einwände, die auf ihn einstürzten, beharrlich an seiner Einschätzung der Erzählungen der beiden Mädchen fest: sie sagten die Wahrheit, Elfen und Zwerge existierten tatsächlich. Arthur Conan Doyle war ein Mann der Wissenschaft, ein ausgebildeter Arzt und Schöpfer einer zeitlosen Figur, die zum Synonym für Vernunft und messerscharfen Verstand geworden ist. Umso merkwürdiger scheint es, dass Conan Doyle auf einen Streich hereinfiel, den sich zwei Kusinen mit überbordender Fantasie und der Hilfe einer Kamera ausgedacht hatten. Aber er glaubte nicht nur felsenfest an die Existenz der Märchenwesen, sondern verteidigte seine Haltung bis zu seinem Tod im Jahr1930.

Nun, was die Firma Kodak und alle anderen Experten betrifft, die die Fotos als echt eingestuft hatten, muss man sagen, dass sie insofern recht hatten, dass die Bilder nicht in einem Studio manipuliert worden waren. Die Kusinen hatten Zeichnungen von Feen in einem Buch – Princess Mary’s Gift Book aus dem Jahr 1914 – entdeckt, nachgezeichnet, ausgeschnitten und dekorativ im moosbewachsenen Boden mit Hutnadeln befestigt. Ein Scherz, der jedoch vor allem nach dem Engagement von Arthur Conan Doyle ein beachtliches Eigenleben entwickelte.

Zugute kam den beiden Mädchen Doyles Begeisterung für alles Okkulte. Zeitlebens war er überzeugt, dass eine andere Welt außerhalb unserer beschränkten Wahrnehmung existierte. Die Spiritualismus-Bewegung begann Mitte des 18. Jahrhunderts, genau zu der Zeit, als sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse rasch ausbreiteten und neue Technologien das bisher Unmögliche möglich machten. Vielleicht war der weit verbreitete Glaube an das Unsichtbare auch eine Gegenreaktion auf die bahnbrechenden Entdeckungen der Wissenschaft. Gleichzeitig wurden neue Erfindungen aber auch genutzt, um okkulte Theorien zu beweisen. Beliebt waren Fotos, die Bilder von Geistern einfangen sollten. Bei Betrachtung mit heutigen Augen erweisen sich diese Beweisfotos meist als relativ simple Doppelbelichtungen, in denen meist neben oder über einer Person, die Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen möchte, ein Geistwesen auftaucht, das scheinbar aus dem Nichts materialisiert auf die Fotoplatte gebannt wurde.

Auch von Conan Doyle selbst existiert ein derartiges Bild, das ihn samt dem Geist seines verstorbenen Sohns Kingsley zeigt. Er verfasste auch ein Buch über die Geisterfotografie: The Case for Spirit Photography, in dem er den Geister-Fotografen William Hope verteidigte. Kein Wunder, dass Doyle von den Bildern der Elfen fasziniert sein musste und alle bei genauerer Betrachtung doch recht eindeutigen Hinweise auf die aus Karton geschnittenen Figuren vom Tisch wischte.

Arthur Conan Doyle und sein verstorbener Sohn Kingsley

In den späteren 1920er Jahren ließ das Interesse an den Feen von Cottingley langsam nach und sie verschwanden nach Arthur Conan Doyles Tod 1930 als skurrile Fußnote in den Archiven der Geschichte. Das Publikum zog weiter zur nächsten Sensation, wohl auch deshalb weil die beiden Mädchen keine weiteren Fotos der scheuen Märchenwesen veröffentlichten. Erst in den 1960ern wurde man wieder auf die Fotos aufmerksam, als ein Reporter Elsie Wright für ein Interview aufsuchte. Doch ob die Fotos tatsächlich Feen zeigten oder doch nur ein Scherz gewesen waren, das ließ sie vorerst offen. Nach weiteren Untersuchungen der Bilder wurden sie schließlich 1978 eindeutig als Fälschungen enttarnt. Elsies Geständnis folgte spät. 1983 wandte sie sich an den Fotoexperten und Journalisten Geoffrey Crawley, und teilte ihm mit, dass sie und Frances mit den Bildern ein Spiel in Gang gesetzt hatten, dass nicht mehr zu stoppen war, nachdem Conan Doyle davon erfahren hatte. Niemals hätten sie gedacht, dass jemand die Fotos für echt halten könnte, aber als der berühmte Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle sich zu den Fotos äußerte und die tatsächliche Existenz der Elfen von Cottingley schwarz auf weiß in seinen Artikeln niederschrieb, wollten sie ihn nicht bloßstellen. Alles war so einfach gewesen. Ein Kinderbuch mit hübschen Illustrationen, die die begabte Elsie kopierte. Ein paar Hutnadeln und Klebeband. Und eine Kamera. Mehr brauchte es nicht um die ganze Welt zum Narren zu halten. Ach ja, und ein wenig Wind, der die federleichten Figuren aus Papier in Bewegung versetzte und so die Illusion von Bewegung in den Fotos erzeugte.

Abbildung aus ‚Princess Mary’s Gift Book‘ – Quelle der Inspiration für Elsie und Frances

Wenige Jahre vor ihrem Tod – Frances starb 1986, Elsie zwei Jahre später – äußerten sich die beiden Kusinen dazu auch im britischen Fernsehen. Frances sagte: It was just Elsie an I having a bit of fun. Zwei Mädchen, die nur ein wenig Spaß haben wollten und nicht ahnen konnten, dass die Erwachsenen diese fantastische Geschichte für bare Münze nehmen würden.
Aber vielleicht wollten die Menschen ja auf den Arm genommen werden.


Quellen:
– Arthur Conan Doyle: The Coming of The Fairies, 1922
– Artikel im Strand Magazine, Dez. 1920
The Arthur Conan Doyle Encyclopedia
Princess Mary’s Gift Book, 1914

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. J Springfeld

    Mundus vult decipi
    ergo decipiatur

    1. tuku

      Danke für das treffende Zitat. Ja, vielleicht will die Welt tatsächlich sehenden Auges betrogen und getäuscht werden. Auch heute.

  2. Hans-Martin Hammer

    So leicht kann man auf den Arm genommen weden…

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