Die Abenteuer eines Junggesellen

DER ONKEL VOM LAND

Die Abenteuer eines Junggesellen

„Wien, Wien, nur du allein…“
Herr Franz R., Bankbeamter in Villach, Junggeselle aus Neigung und Überzeugung, materiell unabhängig, liebt es, ab und zu einen Rutscher nach Wien zu machen, um hier nach Herzenslust zu drah’n. Einige flotte Nächte in flotter Gesellschaft, und dann fährt man mit schwerem Kopf und leichter Brieftasche wieder zurück nach der kleinen Stadt, wo man reichlich Zeit und Muße hat, sich von seinem Katzenjammer zu erholen. Man zehrt eine Zeitlang von der Erinnerung, sagt sich, wenn die ärgsten ‚Haarschmerzen‘ vorüber sind: „Schön war’s doch!“ und macht bei der nächsten Gelegenheit wiederum eine Spritztour nach dem sündhaft schönen Wien. Wo man natürlich alles, auch die verborgenen und verbotenen Genüsse, kennenlernen muss.
Samstag abends steckt Herr R., der im ‚Österreichischen Hof‘ abgestiegen war, eine ansehnliche Summe Geldes zu sich, machte die Bekanntschaft von Damen und steckte in deren Gesellschaft einen mordstrumm Drahrer auf.

‚Koks‘

Schließlich landete er an einem polizeilich bekannten Sammelplatz der nächtlichen Kokainschnupfer und versuchte, ein wenig ‚Koks‘ zu schnupfen. Sein Kopf wurde immer schwerer, seine wohlgefüllte Brieftasche immer leichter. Als der Morgen graute, beschloss er, sich in frischer Luft ein wenig zu erholen, mietete ein Autotaxi und fuhr allein nach Mauer.
Dann wollte er sein Hotel aufsuchen, aber auf der Rückfahrt von Mauer erlitt er im Auto vermutlich als Folge des reichlichen Alkohol- und ungewohnten Kokaingenusses einen Nervenanfall. Die Rettungsgesellschaft musste avisiert werden und brachte ihn auf das nächste Polizeikommissariat. Dort erholte er sich nach ärztlicher Behandlung rasch und gab die Adresse seiner Bekannten an, die auf der Polizei erschienen und die Identität ihres Freundes aus Kärnten bestätigten.

A’g’stiert

In seinem Besitz wurde kein Groschen Geld mehr vorgefunden, und er erklärte, sich nicht mehr erinnern zu können, ob er die mitgenommene Summe für die verschiedenen Zechen gebraucht habe, oder ob sich seine Begleiterinnen eigenmächtig davon bezahlt gemacht haben.
Da der Beamte nicht spitalsbedürftig war, wurde er seinen Freunden übergeben, die ihn gestern abends an die Bahn brachten. Er ist bereits an den Wörthersee abgereist, um sich von ‚Wien bei Nacht‘ zu erholen.

Quelle:
ANNO – Illustrierte Kronen Zeitung | 30. August 1926

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